Die geschlossene Gesellschaft

Projekt 2009/2010 (Fortbildung):                                         Jean-Paul Sartre  Die geschlossene Gesellschaft  


„Ich bin nichts als der Blick, der dich sieht,
als dieses farblose Denken, das dich denkt.“
Aus: Sartre. Die Geschlossene Gesellschaft

Aufführungen: Juli 2010 im Kulturzentrum Schwäbisch Gmünd


Mit freundlicher Unterstützung von:
 

Besetzung

Regie/Bühnenbild  Benjamin Koller       
Dramaturgie  Katharina Koller   Bühnenbau  Patrick Niebler,           Christoph Blattmacher
Kostüme  die Schauspieler                Licht   Vinsent Bohn


es spielen                                         Velemir Pankratov,                              Viktoria Zavartkayova,                        Ulrike Stegmiller,                                Katharina Koller



„In mir schreit mein Dämon. Wo er geht, geh` ich auch, es muss sein.“
Aus: Rimbaud. Eine Zeit in der Hölle

 

 

Hieronymos Bosch Höllenqualen aus: Der Garten der Lüste, 1510-16

Autor

Jean-Paul Sartre 


Frans Stummer Jean-Paul Sartre

Kurzbiographie

  • 21. Juni 1905 geboren in Paris
  • 1907 Tod des Vaters. Sartre kommt zu den Großeltern
  • Studium der Philosophie, Psychologie und Soziologie
  • verschiedene Lehrtätigkeiten in Philosophie
  • 1940 in deutscher Kriegsgefangenschaft
  • 1941 Ende der Gefangenschaft. Wiederaufnahme der Lehrtätigkeit
  • von nun an politische Aktivität für den Frieden (z.B. im franz. Algerien-Krieg 1958-62) und humanitäres Engagement
  • Ablehnung des Nobelpreis für Literatur aus „persönlichen und objektiven“ Gründen
  • Langjährige Freundschaft mit Simone de Beauvoir
  • 15. April 1980 in Paris gestorben


Der Existentialismus Sartres

Jean-Paul Sartre ist ein Hauptvertreter des französischen Existentialismus. Beeinflusst von Hegel, Marx, Nietzsche, Husserl und vor allem Heidegger, entwickelte er engagiert seine existenzialistische Lehre, die besagt, dass wir uns, ins Leben geworfen und auf uns selbst gestellt, ohne Gottesführung, unsere Existenz erst erschaffen müssen. Diese ist zweckfrei, wir müssen ihr durch uns selbst erst einen Sinn geben. Darin haben wir die absolute Freiheit, die Freiheit, sich selbst zu entwerfen, und die Möglichkeit, seine Existenz immer wieder neu zu entwerfen. Die Freiheit gehört bei Sartre grundlegend zum Sein des Menschen.

„Wir sind zur Freiheit verurteilt (...) in die Freiheit geworfen.“ (Sartre. Das Sein und das Nichts. 1989, S.838).

Freiheit ist ein Existential des Menschen. Aber Freiheit setzt die Verantwortung voraus, denn mit Freiheit ist nicht Ungebundenheit gemeint, sondern verantwortungsvolle Gestaltungsmöglichkeit der eigenen Existenz. Erst diese gibt dem Sein, in das der Mensch durch die Geburt geworfen ist, einen Sinn. Mit dem Tod ist diese Möglichkeit einer sinnvollen Lebensgestaltung zu Ende. Der Mensch ist dann das, was er vollbracht hat.
Nicht nur für uns selbst tragen wir Verantwortung, sondern auch für den Anderen, dem das gleiche Recht auf freie Existenz- (Er)Findung zusteht, also die Möglichkeit sein Leben selbst zu gestalten, ohne von mir festgelegt zu werden. Verantwortung übernehmen heißt aber auch, sich zu entscheiden und für seine Taten einzustehen, erst dann sind es meine Taten und mein Leben, und erst dann bin ich frei. Frei ist also der, der sich entschieden hat und zu seiner Entscheidung steht, d.h. die Verantwortung dafür übernimmt. So paradox diese beiden Begriffe in Verbindung klingen mögen, sie gehören für den Existentialisten Sartre zusammen.


Die existentialistische Auffassung des Menschen

»Wenn der Mensch, so wie ihn der Existentialist begreift, nicht definierbar ist, so darum, weil er anfangs überhaupt nichts ist. Er wird erst in der weiteren Folge sein, und er wird so sein, wie er sich geschaffen haben wird. Also gibt es keine menschliche Natur, da es keinen Gott gibt, um sie zu entwerfen. Der Mensch ist lediglich so, wie er sich konzipiert - ja nicht allein so, sondern wie er sich will und wie er sich nach der Existenz konzipiert, wie er sich will nach diesem Sichschwingen auf die Existenz hin; der Mensch ist nichts anderes als wozu er sich macht.«
»Wenn wir sagen, daß der Mensch für sich selbst verantwortlich ist, so wollen wir nicht sagen, daß der Mensch gerade eben nur für seine Individualität verantwortlich ist, sondern daß er verantwortlich ist für alle Menschen.«

Jean-Paul Sartre. Ist der Existentialismus ein Humanismus? In: J.-P. Sartre, Drei Essays. Ullstein Materialien, Frankfurt, Berlin, Wien 1983, S. 9ff


„Das Sein und das Nichts“

Jean-Paul Sartre schuf sich seine Existenz als Philosoph und Schriftsteller, er wirkte und existierte überzeugend durch das geschriebene Wort. Philosophie und Literatur gehen dabei Hand in Hand, denn die Literatur als Instrument der Erkenntnis, der Erschließung der Welt ist Teil seines philosophischen Programms, das der Lösung von Problemen dienen soll. So manifestiert sich seine Philosophie in seinen literarischen Werken und Dramen.
Für Sartre ist klar, die Existenz ist nichts, was einem geschenkt wird; sie hat man zu rechtfertigen, ja zu leisten. „Der Mensch ist nur, was er aus sich selbst macht, was er leistet“ (Sartre. Die Fliegen), lautet seine These. Und die Freiheit bringt darin eine Herausforderung mit sich. Das Leben des eigenen Da-Seins-Entwurfs nennt Sartre „authentisch“. Die vielen unverwirklichten Möglichkeiten, die dem Menschen offen stehen, bilden das Nichts. Das Nichts als Nicht-Seiendes, das ein vorgegebenes Sein verneint, birgt den Quellpunkt der Freiheit und zeigt sich in der Sinnlosigkeit des Daseins, das sich für nichts entscheidet. Doch nur durch eine Distanzierung vom Seienden erleben wir die Freiheit unserer Existenz. Das Nichts ist also die Freiheit des Geistes, die Möglichkeit, sich wieder neu zu erschaffen. Hier benutzt Sartre auch die Begriffe der „Faktizität“ und der „Transzendenz“. Die „Faktizität“ (das Festlegen des Seins) ist nötig, damit wir existieren, die „Transzendenz“ (das Mögliche im Nichts, dass das Seiende transzendiert), damit wir frei sein können.

»Das Dasein versteht sich selbst immer aus seiner Existenz, einer Möglichkeit seiner selbst, es selbst oder nicht es selbst zu sein. Diese Möglichkeiten hat das Dasein entweder selbst gewählt oder es ist in sie hineingeraten oder je schon darin  aufgewachsen.« (Martin Heidegger. Sein und Zeit, S. 12)

Der Blick

Das größte Hindernis im Entwerfen unserer Existenz und dem Empfinden und Ausleben unserer Freiheit ist der Andere (der Mitmensch), der durch seinen Blick und sein Urteil meine Existenz festlegt und so meine Freiheit einschränkt. Im Gesehen-Werden und Beurteilt-Werden durch den Anderen sieht Sartre schon als Kind die eigene Existenz in Gefahr. Unter Mitmenschen zu sein, wurde für ihn ein existentieller Kampf zwischen Leben und Tod. Diese Einstellung des Kampfes und der daraus resultierenden Aggressivität in der Beziehung zu den Mitmenschen, findet sich deutlich in seinen Werken, insbesondere in „Geschlossene Gesellschaft“. „Die Hölle, das sind die Anderen“, sagt hier eine der Figuren. Trotzdem sieht Sartre, dass sich Leben nur im Zusammensein mit den Anderen abspielt und wir nur durch die Anderen uns selbst erkennen können als der, der wir wirklich sind, und nicht der, der wir zu sein glauben. „Der Blick, den die Augen offenbaren, (...) ist reine Verweisung auf mich selbst.“  (Sartre. Das Sein und das Nichts. 1989, S.344f)

Stück

„Die geschlossene Gesellschaft“

Das Erstarren der Freiheit

Drei Menschen, ein Mann und zwei Frauen, sind für immer in einem Raum eingesperrt und sind zudem noch tot. Drei Menschen also im Jenseits, bzw. in der Hölle, das ist die Grundsituation des Stücks. Diese Menschen haben nicht mehr die Möglichkeit, ihr Leben zu entwerfen. Ihre Existenz ist die, die sie sich gemacht haben, daran ist nicht zu rütteln. Das ist das Erstarren der Freiheit und das ist die Hölle.




Dierick Bouts Hölle aus: Weltgerichts-Triptychon, 1470

Es gibt kein Entkommen aus dieser geschlossenen Gesellschaft, die drei Personen sind mit sich und ihrem erstarrten Leben konfrontiert, das sie nun nicht mehr ändern können. Sie blicken auf ihr Leben und sehen ihre Taten im wahren Licht. Dabei spielt jeder für jeden, durch sein den Anderen anblicken und beurteilen, die Rolle eines Richters und als Spiegel für den Anderen werden sie gegenseitig zu Peinigern. Diese Unentrinnbarkeit des eigenen, aber auch des fremden Ichs, zeichnet die Hölle aus. Selbsttäuschung und Unaufrichtigkeit werden entlarvt.

Trotz einem gewissen Pessimismus der Unveränderbarkeit durch das Gestorbensein („Also, machen wir weiter“, so der Schlusssatz) sowie durch das höllenartige Zusammenleben der Menschen, strebte Sartre nach einem Zusammenleben in Brüderlichkeit.

Es liegt im Leben an der eigenen Entscheidung, seine vorgefundene Situation, die nur eine Grenze in mir selbst, jedoch kein determiniertes Hindernis aufweist, auf sich zu nehmen, um sie zu überschreiten und entsprechend in authentischer Weise zu leben oder sich ihr so anzupassen, dass die eigene Freiheit entfremdet und verdinglicht und so die Existenz auf Unaufrichtigkeit und Selbsttäuschung ausgerichtet wird. Am Ende sprechen die Taten!
 

Auguste Rodin "Die drei Schatten" (Aus dem "Höllentor") 1880.

Jede Figur kam in die Welt als verzweifelt einzelnes Geschöpf, ihr Schattendasein verbindet sie. Eine Folge von Vergeblichkeit und Verzweiflung. Die Unfähigkeit zu sprechen, lässt den Schatten sich selbst ausdrücken mit seinem Körper. Er drückt sich aus. Aber gegenüber niemandem. Er kommuniziert, aber mit keinem Partner. Er betet, aber zu keinem Gott.


"Solange Gott lebte, war der Mensch ruhig: er wußte sich beobachtet. Heute, da er allein Gott ist und sein Blick alle Dinge zum Aufblühen bringt, verrenkt er seinen Hals und versucht, sich selbst zu sehen."
Aus: Sartre "Der Mensch und die Dinge"

„Wenn man froh lebt, kann man froh sterben. Man sollte einander immer lieben.“
Aus: Eugene Ionesco „Fußgänger der Luft“



Jean-Paul Sartre über Geschlossene Gesellschaft

Ich wollte sagen: Die Hölle, das sind die andern. Aber dieses «Die Hölle, das sind die andern» ist immer falsch verstanden worden. Man glaubte, ich wolle damit sagen, daß unsere Beziehungen zu andren immer vergiftet sind, daß es immer teuflische Beziehungen sind. Es ist aber etwas ganz andres, was ich sagen will. Ich will sagen, wenn die Beziehungen zu andern verquer, vertrackt sind, dann kann der andre nur die Hölle sein. Warum? Weil die andren im Grunde das Wichtigste in uns selbst sind für unsere eigene Kenntnis von uns selbst. Wenn wir über uns nachdenken, wenn wir versuchen, uns zu erkennen, benutzen wir im Grunde Kenntnisse, die die andern über uns schon haben. Wir beurteilen uns mit den Mitteln, die die andern haben, uns zu unserer Beurteilung gegeben haben. Was ich auch über mich sage, immer spielt das Urteil andrer hinein. Was ich auch in mir fühle, das Urteil andrer spielt hinein. Das bedeutet, wenn meine Beziehungen schlecht sind, begebe ich mich in die totale Abhängigkeit von andren. Und dann bin ich tatsächlich in der Hölle. Und es gibt eine Menge Leute auf der Welt, die in der Hölle sind, weil sie zu sehr vom Urteil andrer abhängen. Aber das heißt keineswegs, daß man keine andren Beziehungen zu den andren haben kann. Es kennzeichnet nur die entscheidende Bedeutung aller andren für jeden von uns.
Jean-Paul Sartre. Geschlossene Gesellschaft, Reinbek bei Hamburg 1986.

Luca Signorelli Die Verdammten aus dem Dom Cappella Brizio, 1499-1502

„Die meisten leben in den Ruinen ihrer Gewohnheiten“. (Jean Cocteau)

   
Die Aufführungsrechte für dieses Stück liegen bei dem Rowohlt Theater Verlag, Hamburger Str. 17, 21465 Reinbek.
 
Zusatzkurse: Bothmergymnasik bei Renate Fischinger, Wu Shu/Kung Fu bei Manuel Bickel und Ektoras Tartanis, Tango bei Julie Bickel, Zaubern bei Miles Pitwell, Theater-Workshop zum Thema "Konflikt"  bei Mario Dircks.